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EIN ARBEITSFELD STELLT SICH VOR

Lindenbaum in Hannover

Ältere Menschen mit psychischen Erkrankungen benötigen eine besondere Betreuung. Im Lindenbaum in Hannover wird Menschen mit Demenzerkrankungen und ältere Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen geholfen. Auch die Angehörigen werden dabei in den Blick genommen.

Frau Flügge hatte früher selbst Hunde, die sie sehr streng erzogen hat. Mit den Cockerspaniels, die im Lindenbaum zu Besuch kommen, nimmt sie es aber nicht so genau. © pkh

Frau Flügge hatte früher selbst Hunde, die sie sehr streng erzogen hat. Mit den Cockerspaniels, die im Lindenbaum zu Besuch kommen, nimmt sie es aber nicht so genau. © pkh

Mit einem großen Bully holt Johanna Radenbach (l.) morgens die Teilnehmer der Gruppe von zu Hause ab. © pkh

Mit einem großen Bully holt Johanna Radenbach (l.) morgens die Teilnehmer der Gruppe von zu Hause ab. © pkh

Daniela Suchak arbeitet seit 1996 im Lindenbaum. © pkh

Daniela Suchak arbeitet seit 1996 im Lindenbaum. © pkh

Frau Flügge* darf nicht mehr nach Hause. Ihr Mann habe sie rausgeworfen. „Ich weiß auch nicht wieso. Dann bleib ich halt weg“, sagt sie und blickt forsch in die Runde. Sie wohnt jetzt in einer Wohngruppe. „Aber da wird viel gestohlen. Also habe ich alle meine Sachen im Schrank eingeschlossen. Nur irgendwie habe ich den Schlüssel verlegt.“ Sie streicht ihre weißen kurzen Haare zurück, leicht zögernd schaut die Mittachtzigern mit strahlend blauen Augen zu den anderen Frauen. „Also ich hatte neulich Angst einzuschlafen. Ich hatte Angst, dass ich nicht mehr aufwache“, sagt Frau Vogelsang. Ihr Blick geht ins Leere. Zustimmendes Gemurmel in der Runde. „Was meinen die anderen, was man da machen kann?“, fragt Johanna Radenbach. Die studierte Ergotherapeutin sitzt mit den acht Frauen am gedeckten Frühstückstisch und moderiert subtil das Gespräch. Fernsehen, schlägt die eine vor. Radio hören oder Gedichte lesen, die andere. Jeder soll einmal zu Wort kommen und vor allen Dingen erfahren, dass die anderen Frauen in der Runde sie verstehen.

Lindenbaum heißt die Einrichtung, für die Johanna Radenbach arbeitet. Die Beratungs- und Begegnungsstätte des Caritasverbandes in Hannover kümmert sich um Menschen, die im Alter an Demenz erkrankt sind oder an anderen altersspezifischen Krankheiten wie Altersdepressionen leiden. In verschiedenen Gruppen versuchen die Betreuerinnen einen Austausch und Freundschaften zwischen den Demenzerkrankten zu ermöglichen. Einmal die Woche für ein paar Stunden holen sie die Gruppenmitglieder ab. Die meisten von ihnen sind Mitte 70, von beginnender Demenz bis schwerer Demenz ist alles dabei. „Zwar können sich viele an Demenz erkrankte Menschen nicht mehr an konkrete Ereignisse in der letzten Zeit erinnern. Sie sind aber dennoch in der Lage, Beziehungen neu aufzubauen und über ihre Gefühle zu sprechen“, erklärt Johanna Radenbach. Auch Frau Mutter wird regelmäßig morgens von ihr abgeholt. Sie wohnt alleine in einer großen Erdgeschosswohnung. Geduldig hilft die Ergotherapeutin, Schlüssel und Portemonnaie zu suchen, und überprüft, ob auch nirgendwo eine Herdplatte noch eingeschaltet ist. Im Bully, der sie in den Lindenbaum fährt, sagt Frau Mutter: „Das sieht hier alles so öde aus. Wo fahren wir jetzt hin?“ „In den Lindenbaum, zum Treffen mit den anderen Frauen. Frau Flügge und Frau Vogelsang zum Beispiel“, antwortet Johanna Radenbach. „Ach, da freu ich mich drauf“, sagt Frau Mutter.

 

Das Ziel: ein möglichst selbstbestimmtes Leben ermöglichen

 

Im Lindenbaum basteln die Frauen, singen Lieder, erzählen von früher. Sie feiern gemeinsam ihre Geburtstage und machen Ausflüge. Sie entwickeln ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Heute kommt als große Überraschung ausnahmsweise eine Frau mit drei Cockerspaniels vorbei. Die Hunde erinnern Frau Flügge an ihre eigenen Hunde, die sie und ihr Mann früher hatten. Große Schäferhunde waren das. „Mit denen war ich aber immer sehr streng.“ Die drei kleinen Rabauken Franjo, Judy und Suerte werden von den Frauen gestreichelt. Nicht alle trauen sich, sie auf den Schoß zu nehmen. Gerade noch rechtzeitig, um die Hunde zu erleben, kommt Frau Hagemeyer zum Treffen. Sie ist die Einzige aus der Gruppe, die den Weg zum Lindenbaum alleine auf sich nimmt. Aus Versehen hat sie die Linie 17 genommen anstatt die Linie 10. „Ich akzeptiere die demenzkranken Menschen so, wie sie sind“, sagt Johanna Radenbach. „Die Dinge, die sie noch gut können, hebe ich besonders hervor und lobe sie dafür.“

Der Lindenbaum will sowohl die Demenzerkrankten als auch die Angehörigen dabei unterstützen, den Erkrankten ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Daniela Suchak, Diplompädagogin und seit 1996 in der Einrichtung, setzt dabei auf ein ganzheitliches Betreuungs- und Beratungsangebot für die Teilnehmer der Gruppenangebote und deren Angehörige. „Wir kooperieren mit allen relevanten Stellen, um unsere Gruppenmitglieder über einen langen Zeitraum kennen zu lernen und Veränderungen in ihrem Verhalten wahrzunehmen“, sagt sie. „Statistisch betrachtet verbringen viele Menschen mit Demenzerkrankungen den Großteil ihres Tages allein zu Hause. Aber Menschen müssen auch einmal rauskommen und mit anderen sprechen, die sie so nehmen, wie sie sind.“ Neben ihr arbeitet noch eine Altenpflegerin im Lindenbaum, Barbara Gruhn. Johanna Radenbach und ihre zwei Kolleginnen leiten und unterstützen auch Ehrenamtliche und Freiwillige an, die im Lindenbaum mithelfen. Durch deren Unterstützung können die Mitarbeiterinnen sich noch mehr dem oder der Einzelnen annehmen. Insgesamt sind es derzeit sieben Ehrenamtliche. Zum Abschied singt die Gruppe jedes Mal ein Lied. „Auf Wiedersehen“ heißt es. Einige singen mit. Andere schauen scheinbar geistesabwesend zu Boden. „Schön war es heute wieder“, sagt Frau Vogelsang und lächelt.

Wenn Sie mehr über das Thema Demenz wissen möchten, lesen Sie auch in der Rubrik „Perspektiven“ Johanna Radenbach im Interview.

*Alle demenzerkrankten Menschen werden in diesem Text aus Gründen des Schutzes der Persönlichkeit nicht mit ihren richtigen Namen benannt.

(Artikel vom 18. Mai 2016)