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„Das Gebet war unser einziger Halt“

Eine neue Broschüre dokumentiert Flucht und Vertreibung um 1945 aus Sicht von Zeitzeugen, die heute in und um Hannover leben. Sie haben auf 60 Seiten bewegende Geschichten, aber auch witzige Anekdoten niedergeschrieben. Eingeladen dazu hatte sie die Katholische Kirche in der Region Hannover in einer Schreibwerkstatt für Flüchtlinge und Vertriebene des Zweiten Weltkrieges.

Maria Mennecke (l.), Joachim May und Elisabeth Fritsch freuen sich, dass ihre Erinnerungen in Form einer Broschüre veröffentlicht wurden. © pkh

Maria Mennecke (l.), Joachim May und Elisabeth Fritsch freuen sich, dass ihre Erinnerungen in Form einer Broschüre veröffentlicht wurden. © pkh

 <i>Die Luft wurde knapper. Alle schwitzten. Die Männer kamen immer wieder herein, suchten sich eine junge Frau nach der anderen aus. Kindern schrien aus Angst um ihre Mütter. Meine Tanten, alle noch jung, schnappten mich abwechselnd. Wenn nun ein Russe kam, musste ich weinen und mich an sie klammern: „Mama! Mama!“ Manchmal ließen sie dann von der Frau ab. (Erinnerung aufgeschrieben von Maria Mennecke)</i>

 

Maria Mennecke war sieben Jahre alt, als ihre Familie vor der anrückenden Front des Zweiten Weltkrieges aus Oberschlesien versuchte zu fliehen. Sie wurde Zeugin von Massenvergewaltigungen. Sie sah die toten Soldaten im Straßengraben liegen. „Jeden Tag erlebten wir etwas neues Schreckliches. Das gerade erst Erlebte wurde Stück für Stück einfach nach hinten geschoben. Es gab ja keine psychologische Hilfe damals – für niemanden“, erklärt sie. Maria Mennecke aber wollte sich bewusst erinnern und mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Als sie sah, dass während des Bistumsjubiläums im vergangenen Jahr eine Schreibwerkstatt für Flüchtlinge und Vertriebene des Zweiten Weltkrieges in Hannover angeboten wurde, meldete sie sich sofort an. Genau wie Elisabeth Fritsch, die 1937 im Ermland geboren wurde. Für sie war die Schreibwerkstatt mit der freien Autorin Maria Eilers eine Initialzündung. „Ich erinnere mich seitdem immer mehr an das, was passiert ist. Dass wir über einen zugefrorenen Fluss liefen und links und rechts von uns die schweren Pferdewagen einbrachen“, sagt sie.

Die Erinnerungen der beiden Frauen und neun weiterer Zeitzeugen wurden während der Schreibwerkstatt niedergeschrieben. Aus diesen Texten ist eine Broschüre entstanden, die jetzt veröffentlicht wurde. 60 Seiten stark ist sie geworden, randvoll gefüllt mit bewegenden Geschichten, aber auch Anekdoten aus dem Alltag von Flucht und Vertreibung. „Auch in schweren Zeiten wurde in meinem Umfeld immer viel gelacht“, sagt Joachim May, der aus Breslau in Niederschlesien kommt. Er und andere Zeitzeugen fühlten sich auf ihrem Weg vom Gebet zu Gott getragen. Eine Einschätzung, die Maria Mennecke teilt: „Das Gebet war unser einziger Halt. Gerade in Notsituationen. Ich soll als Kind meine Gebete fast schon herausgeschrien haben.“ Viele dieser Gebete hatten regionalen Charakter und wurden bei der Ankunft im Bistum Hildesheim importiert.

„Aufgrund der vielen Gegensätze zu den Bräuchen hier gab es in der neuen Heimat Vorurteile. Zum Beispiel hieß es, dass die Fremden sozial und akademisch zurückgeblieben seien im Vergleich zu den Menschen im Bistum Hildesheim“, sagt Prof. Dr. Hans- Georg Aschoff von der Leibniz- Universität Hannover. Die konfessionelle Durchmischung von zuvor rein protestantischen Gebieten wurde als Bedrohung angesehen. Da man davon ausgeht, dass rund eine halbe Million Katholiken während und nach dem Zweiten Weltkrieg ins Bistum kamen, sei die Angst vor einer konfessionellen Überfremdung verständlich. „Dies änderte sich aber mit zunehmender Verteilung der Menschen auf Stadt und Land. Heute sehen wir die Phase, die die Zeitzeugen in dieser neuen Broschüre beschreiben, trotzdem als eine wichtige Zäsur in der Neueren Geschichte des Bistums Hildesheim an“, sagt Prof. Aschoff.

Den Zeitzeugen ist wichtig, dass ihre Botschaften nicht verloren gehen. „Unsere Geschichte verlief damals im Verborgenen. Wenn ich heute im Fernsehen die Bilder von den Flüchtlingen sehe, kommt alles wieder hoch. Sie tun mir sehr leid. Ich möchte helfen, weil auch mir damals geholfen wurde. Ich hoffe, dass durch die Broschüre gerade auch jüngere Menschen einen Eindruck von damals bekommen“, sagt Maria Mennecke.

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Wer Interesse daran hat, die Broschüre gegen eine kleine Spende abzuholen, kann sich an den Organisator der Schreibwerkstatt, Pastoralreferent Lorenz Kutschke, wenden. Auch Klassensätze können bestellt werden. Lorenz Kutschke ist per Mail (l.kutschke(at)kath-kirche-hannover.de) oder telefonisch unter 0511- 1640523 zu erreichen.

 

 

 

 

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(Artikel vom 18. Mai 2016)